AFIH, Tunis, Tunesien
"Schenk mir keinen Fisch, sondern zeige mir, wie man ihn fängt."
08. Februar 2005
Wir sind mit Dr. Samy Allagui an der deutschen Botschaft in der Rue el Hammra im Viertel Belvedere
verabredet. Dort treffen wir neben Dr. Allagui auch einen Beamten des BKA, Heribert Stahl, der
selbst gerne Motorrad fährt und sich für unser Projekt interessiert. Er bietet uns seine Hilfe an
und lädt uns auch ein, ihn bei Gelegenheit einmal zu besuchen.
Wie wir später von Heri erfahren, hat der deutsche Botschafter uns als mit Fernsehteam und
Buchrechten ausgestatte Gruppe von Motorradfahrern angekündigt – wir kamen alleine, ohne Buchrechte
und mit dem Taxi...
Nach einem kurzen Gespräch fahren wir mit Dr. Allagui in das knapp 8 km entfernte Elendsviertel
Ettadhamen, wo er uns eines seiner Kinderheime vorstellen möchte.
Dieses Viertel entstand in den Jahren 1984 bis 1994, als ein große Dürre viele Stämme des Südens in
Richtung Stadt trieb. Die Menschen bauten hier wild, ohne Genehmigung und Abwasseranlagen eine 1,5
Mio. (!) Einwohner zählende Stadt. Durch die große Armut in diesem Viertel entstanden vielschichtige
soziale und hygienische Probleme. Sämtliche Arten von Kriminalität, vom Diebstahl bis zu
Kapitalverbrechen und Prostitution bereiteten sich aus. Auch radikale Islamistengruppen finden hier
einen guten Nährboden.
Neben den katastrophalen hygienischen Bedingungen führt auch Inzest hier vermehrt zu den
verschiedensten Formen von Behinderungen bei den Kindern.
Genau um diese Kinder kümmert sich die AFIH ( Association pour la Formation et l’Insertion des Handicapes
). Die von Dr. Allagui 1999 ins Leben gerufene Organisation arbeitet rein privat
( NGO – non government organisation ) und finanziert sich ausschließlich über Sach-, Geldspenden
und dem großen Engagement der Mitarbeiter.
Dr. Allagui fährt mit uns durch das Elendsviertel zu einem der Zentren. Die Fahrt geht über unbefestigte Straßen,
die vollkommen ungeordnet durch das Viertel verlaufen und in denen der Abfall neben diversen Verkaufsständen mit
Lebensmitteln und allen möglichen Sachen herumliegt.
Die Regierung versucht zwar nach und nach Strom und Abwasseranlagen zu installieren, jedoch wird das
meiste von den Menschen wieder demontiert und als Baumaterial verwendet oder versucht, zu Geld zu
machen.
Es ist schon bedrückend, ein solches Elendsviertel zum ersten Mal aus der Nähe und nicht aus der
sicheren Entfernung des heimischen Fernsehsessels zu sehen.
Inmitten dieser Siedlung kommen wir dann zu dem Haus der AFIH, wo wir von Dr. Allagui eine sehr
interessante Führung erhalten.
Zur Zeit werden rund 370 Kinder und Jugendliche mit viel privatem Engagement in den vier
verschiedenen Einrichtungen betreut und ausgebildet. Auch eine kleine Farm gehört zu dem Projekt,
wo den Jugendlichen von der Viehzucht über Ackerbau und ökologischer und ökonomischer Arbeit viele
Fertigkeiten beigebracht werden.
Die AFIH betreut die Kinder vom Kindergartenalter bis zur beruflilchen Ausbildung und gibt ihnen so
eine Chance, aus dem Teufelskreis des Elendsviertels heraus zu kommen.
Leider sind z.Zt. Semesterferien und es sind von den 150 in diesem Heim betreuten Kindern nur
wenige anwesend.
In verschiedenen Räumen werden von den Kindern mit enormer Geschicklichkeit und Kreativität, die
ihresgleichen sucht, Taschen, wunderschöne traditionelle Kostüme und Kleider gefertigt und die
verschiedensten handwerklichen Fertigkeiten vermittelt.
Die Kostüme werden teilweise verkauft oder für die verschiedenen Theateraufführungen, die
gelegentlich stattfinden verwendet.
Auch im internationalen Behindertensport sind hier einige Jugendliche recht erfolgreich und
Dr. Allagui zeigt uns stolz die vielen Pokale und Medaillen, die bereits gewonnen wurden.
Als wir in einen Raum kommen, in dem ein paar Mädchen mit verschiedenen körperlichen und geistgen
Behinderungen geschickt mit Näh- und Stickarbeiten beschäftigt sind, singt uns ein blindes Mädchen
ein kurzes arabisches Willkommenslied - wir sind sehr gerührt.
Ein aufgestickter Spruch bleibt uns besonders in Erinnerung und beschreibt mit wenigen Worten die
eigentlichen Bedürfnisse der in dieses Viertel hineingeborenen Kinder:
"Schenk mir keinen Fisch, sondern zeige mir, wie man ihn fängt."
Die Arbeit der AFIH richtet sich nach dieser alten arabischen Weisheit und macht Mut inmitten des
Elends in diesem Viertel.
Ein anderes Mädchen, welches mit einer Lähmung des rechten Armes geboren wurde, stickt mit
unbeschreiblicher Geschicklichkeit Pailetten auf Hochzeitskleider und Zubehör - das könnten wir
nicht einmal mit zwei gesunden Händen!
Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus und zum Abschluss bekommen wir noch sehr schöne
handgeknüpfte, traditionelle Teppiche gezeigt, welche von den ca. 90 daheim betreuten Kindern und
Jugendlichen hergestellt werden.
Natürlich erhalten die Kinder in den Einrichtungen der AFIH auch eine Schulbildung und zusammen mit
den hier und auf der kleinen Farm erworbenen Fähigkeiten haben sie wieder eine Perspektive für die
Zukunft.
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